Dieses Jahr organisiert das Leipziger 1. Mai Bündnis zum zweiten Mal eine emanzipatorische Sterndemonstration. Das Bündnis besteht aus verschiedenen Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, den 1.Mai politisch zu gestalten. Auf den drei Armen der Demonstrationen werden verschiedene Thematiken behandelt und unterschiedliche Forderungen formuliert:

Wir fordern das schöne Leben, einen dekadenten, luxoriösen Lebensstil für alle Menschen, losgelöst von Bedingungen diktiert durch Staat und Markt. Wir wollen selbstbestimmt leben, autonome Freiräume erkämpfen und verteidigen. Wir fordern emanzipatorische Bildungsmöglichkeiten für alle Menschen, jenseits von marktorientierten Kurzzeitstudium und Elitebildung. Das Leben im Kapitalismus gestaltet sich jedoch gänzlich anders: Zwang zur Lohnarbeit, Verwaltung und Bevormundung des und der Einzelnen durch den Staat, zunehmend prekäre Lebensbedingungen für immer mehr Menschen und steigender Druck zur Anpassung an flexible Markt- und Arbeitsstrukturen.

Kurzum: Leben sieht anders aus!

Ein selbstbestimmtes Leben wird jedoch nicht nur durch Staat und Kapitalismus unmöglich. Im ländlichen Raum und speziell im Leipziger Umland bedrohen die kontinuierlich starken Nazistrukturen linke und emanzipatorische Freiräume. Der Kampf für das schöne Leben bedeutet stets antifaschistisch aktiv zu sein!

Im Vorfeld der Demonstrationen gibt es eine Veranstaltungsreihe. Diese beschäftigt sich u.a. mit Kapitalismuskritik, alternativen Produktionsweisen, nicht-kommerzieller Landwirtschaft, Gentrifizierung und Verdrängungsprozessen und Nazistrukturen im Leipziger Umland.

Und nicht vergessen: Am 1. Mai, 16 Uhr – Wilhelm Leuschner Platz – Emanzipatorische Sterndemonstration!

[Alle Infos und Texte zu den drei Armen gibt's unter "Die Demoarme"]

Kapitalismus heißt…

Dein Wecker klingelt, es ist fünf Uhr morgens, du musst aufstehen, 8 Stunden oder länger arbeiten gehen. Am Nachmittag kommst du geschafft nach Hause, deine FreundInnen hast du auch schon länger nicht mehr gesehen, einfach keine Zeit. Am Wochenende mal so richtig wegfahren, das Leben erkunden, doch dafür fehlt dir das Geld. Du gehst zwar Vollzeit arbeiten, leben kannst du davon aber noch lange nicht. Jeden Monat ist das Geld knapp und die Rechnungen müssen bezahlt werden…willkommen in der Arbeitswelt!

Das Leben als Student hast du dir anders vorgestellt. Du hast keine reichen Eltern, das BaföG reicht nicht für Miete und Lebenshaltungskosten, du gehst neben der Uni jobben. Zeit für Studium und FreundInnen bleibt dir kaum noch. Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge machen aus deinem Studium obendrein ein Chaos. Jedes Semester musst du zittern ob du deine gewünschten Module belegen kannst. In deiner winzigen Freizeit sollst du mal eben eine Bachelorarbeit schreiben, im selben Semester noch 3 Klausuren bestehen und die Arbeit gibt es auch noch. Das Leben nach dem Studium hast du dir auch anders vorgestellt. Kaum hast du dein Master oder Diplom in der Tasche, schon geht es auf den Arbeitsmarkt. Die Anzeigen in den Zeitungen sind voll davon: „Suchen motivierte Uni-AbsolventInnen, bieten kreative Entfaltungsmöglichkeiten im Rahmen eines Praktikums in unserem Unternehmen“. Deine Bezahlung ist ein Zertifikat oder im seltenen Fall sogar ein wenig Überlebensgeld für Wohnung, Strom und Co. Einige FreundInnen von dir hatten mehr Glück, sie arbeiten nun als Angestellte und haben ihr eigenes Einkommen. An der Uni wart ihr noch unzertrennlich, auf einmal seid ihr KonkurrentInnen. Es geht um Jobs, Positionen, Status und Netzwerk. Du überlegst dich weiterzubilden, natürlich auf deine Kosten, schließlich gilt es dein Humankapital zu erweitern….Selbst das stressige Studium war da irgendwie netter, oder?

Die Tram ist voller Leute, alle schauen ein wenig verschlafen aus. Die Straßenbahnansage endet „Agentur für Arbeit – Jobcenter“. Du steigst aus, mit dir eine große Menge Menschen. Heute hast du einen Termin, du sollst einen neuen Job bekommen. Seit mehreren Wochen beziehst du Arbeitslosengeld II. Die Jobs welche du auf der Internetseite der Agentur gefunden hast, sagen dir alle nicht zu. Da hast du dir was Besseres vorgestellt. Nun gehst du zu deine_r_m Berater_in. Du sollst dich mehr anstrengen, du musst zeigen, dass du arbeiten willst. Der Staat gibt dir zwar ein wenig Geld zum Leben, dafür musst du aber auch jede Arbeit annehmen, welche andere als zumutbar identifiziert haben. Die Agentur will nun, dass du einen 1€ Job antrittst. Inhalt und Einkommen entsprechen ganz sicher nicht dem, was du nach Schule und Ausbildung vom späteren Leben erwartet hast. Selbstbestimmung, Entfaltung und persönliche Freiheit, das sind keine Worte die zu ALG II und Jobcenter passen.

Du standest vor der Wahl: Entweder Fliehen ins Unbekannte oder Bleiben – Verfolgung und Armut ausgesetzt sein. Du hast dich für das Fliehen entschieden. Du hast viele Tausend Kilometer hinter dir. Nun lebst du im vermeintlich goldenen Europa. Doch das Leben hast du dir anders vorgestellt. Du sitzt in einem winzigen Zimmer, mit dir leben hier viele andere Menschen. Sie haben alle ähnliche Geschichten zu erzählen. Die Fenster aus denen du schaust sind vergittert. Deine „Wohnanlage“ wird von einem riesigen Stacheldraht „bewacht“. Deine FreundInnen dürfen dich nach 22 Uhr nicht mehr besuchen kommen, alles was du machst, wird dokumentiert. Zum Leben erhälst du ein wenig Taschengeld, meist darfst du aber nicht selber entscheiden wo und was du einkaufst, dafür gibt es so genannte Gutscheine. Du hast nach Freiheit, ein bisschen Wohlstand und Glück gesucht, gefunden hast du ein reiches Land das dich nicht haben will.

Kapitalismus hat viele Gesichter…

Das Leben in der Arbeitsgesellschaft heißt Zwang zur Lohnarbeit, Zwang zur Verwertung. Ein Leben für die Arbeit in dem oftmals kein Platz für Freizeit, Entfaltung und das persönliche Glück existiert. Kapitalismus heißt Konkurrenz zwischen den Menschen, Wettbewerb um Ressourcen, Güter, Status und Positionen. Wer dabei nicht untergehen oder verlieren will, muss sich anpassen, flexibel sein und ständig neue innovative Fähigkeiten entwickeln. Dieser permanente Druck führt bei vielen Menschen zu Krankheiten, Burnout und Depressionen. Kapitalismus schafft Armut. Die Produktion von Gütern und die Bereitstellung von Dienstleistungen erfolgt im Kapitalismus nicht zur Bedürfnisbefriedigung. Güter und Dienstleistungen sind Waren, welche auf dem Markt angeboten und verkauft werden. Es gilt einen möglichst großen Profit zu erwirtschaften. An diesem Profit hängen schließlich Jobs und damit die Leben von vielen Menschen. Der Prozess ist von Menschen erdacht und gemacht, doch entzieht sich der Mechanismus nach und nach dem Bewusstsein und damit der Kontrolle der Menschen. Im Kapitalismus herrschen Sachzwänge, zwar gibt es UnternehmensleiterInnen, zwar gibt es Regierungen, doch verfolgen auch diese schließlich das große Ziel der Kapital-Anhäufung mit anschließender Re-Investition. Bei diesem Prozess entsteht weder soziale Gerechtigkeit noch Verwirklichung von persönlicher Freiheit und Raum für individuelle Entfaltung. Der Staat mag den Markt an entscheidenden Stellen bremsen können, doch sorgt er dabei immer auch für eine Reproduktion und Systemerhaltung jener kapitalistischen Produktionsweise, welche er vorgibt bekämpfen zu wollen. Kein Wunder, dass mensch in Deutschland Zwang zur Lohnarbeit, Wettbewerb und Profitausschöpfung nicht Kapitalismus, sondern soziale Marktwirtschaft nennt. Kapitalismus schafft Ausgrenzung. Das System produziert genauso VerliererInnen wie es GewinnerInnen hervorbringt. Wer oder was nicht verwertet werden kann, verschwindet vom Markt. Zurück bleiben Dutzende Menschen die sich nicht mehr alleine versorgen können, die verarmen und den Anschluss an Gesellschaft und damit soziale und kulturelle Netzwerke verlieren. Besonders stark von Ausgrenzung betroffen sind MigrantInnen und Asylsuchende. Nicht nur, dass sich diese Menschen oftmals noch viel schwerer eine sichere Existenz aufbauen können: Zudem müssen sie auch noch als Sündenböcke für ökonomische und strukturelle Krisen herhalten.

Reclaim your Life!

Hol dir dein Leben zurück! Du hast Lust auf mehr Freizeit, ein selbstbestimmtes Leben und kein Bock mehr auf Kontrolle und Bevormundung durch den Staat? Du willst kreativ sein, neue Fähigkeiten lernen, solche die dir Spaß machen und mit denen du dich identifizieren kannst? Du hast keine Lust deine Mitmenschen als KonkurrentInnen zu sehen, du willst zusammen mit anderen leben, lieben und kämpfen? Das Leben in der modernen Gesellschaft bietet dir bereits eine Menge Möglichkeiten dies zu tun. Du kannst dich mit FreundInnen verabreden und politisch aktiv sein, du kannst dich in deinem Betrieb für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen und du kannst versuchen eine Arbeit zu finden, welche Raum für deine Kreativität bietet. Doch auch diese Freiräume sind nicht losgelöst vom Kapitalismus und den mit ihm verbundenen Zwängen und Prozessen. Eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und mit der Möglichkeit des schönen Lebens für alle ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Eine humane, offene Gesellschaft besteht nicht bzw. nicht nur aus anderen Produktionsmethoden, einer alternativen Organisierung der Wirtschaft und der Abschaffung des Staats, sondern vielmehr durch Anstrengungen zur Veränderung auf allen gesellschaftlichen und ökonomischen Ebenen. Doch die Aussicht auf eine Gesellschaft ohne Kapitalismus und Staat sollte mensch nicht alleine der Utopie überlassen. Bereits heute können wir viel tun. Setz dich für deine Interessen und Bedürfnisse ein, vernetze dich mit anderen Menschen und leistet Widerstand. Solidarisiere dich mit denen, die besonders unter Ausgrenzung, Ausbeutung und Kontrolle zu leiden haben. Hol dir dein Leben zurück – heißt organisiert, selbstbestimmt und kreativ sein. Hol dir dein Leben zurück heißt aber auch, sich für humane, emanzipatorische Verhältnisse einzusetzen. Die Aufhebung der herrschenden Verhältnisse ist stets auch mit der Möglichkeit eines negativen Rückschritts verbunden. Faschismus, Rassismus, Sexismus und Antisemitismus sind weit verbreitet und sind nicht durch eine Überwindung des Kapitalismus automatisch passe.

Kapitalismus ist scheiße. Kapitalismus schränkt unser Leben ein, grenzt unsere FreundInnen aus und zwingt uns zum prekären Leben. Wir wollen keinen starken Staat, der vielleicht vor dem freien Markt schützen kann, uns dafür aber staatliche Kontrolle und Bevormundung aufzwingt. Wir wollen Kapitalismus und Staat überwinden, wir haben keine Lust lediglich ein Stück mehr vom Kuchen zu essen. Reclaim your life, hol dir dein Leben zurück – zusammen können wir’s schaffen!